ÖDP NRW unterstützt die Demonstration in Lingen: AKW abschalten! Uranfabriken schließen! Uran-Exporte stoppen!

Prof. Dr. Klaus Buchner (MdEP/ÖDP) führt die ÖDP-Delegation an.

(Lingen/Brüssel/Düsseldorf/Münster) – Unter dem Motto „AKW abschalten! Uranfabriken schließen! Uran-Exporte stoppen!“ findet am 9. Juni 2018 in Lingen eine Demonstration statt. Ziel der Demonstration ist die Schließung der Atomfabriken in Lingen und Gronau, die Abschaltung des AKW Emsland sowie der Stopp der Atomexporte aus Deutschland nach Belgien. Die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) Nordrhein-Westfalen unterstützt diese Demonstration. Die ÖDP-Delegation wird vom Europaabgeordneten der ÖDP, Prof. Dr. Klaus Buchner, angeführt.

In Lingen produziert die Brennelementefabrik überwiegend für AKWs außerhalb Deutschlands. So liefert diese Atomfabrik u. a. Brennelemente an das überalterte und durch eine Vielzahl von Störfällen in die Schlagzeilen geratene belgische AKW Doel. Gerade bei diesem AKW ist jüngst ein Fehler im Notkühlsystem aufgetreten. In Folge ist radioaktives Wasser ausgetreten. Die belgischen AKWs haben ihre technische Lebensdauer überschritten. Auch wurden in den Reaktordruckbehälter tausende Risse festgestellt. Die Herkunft dieser Risse ist nach Expertenmeinung ungeklärt.

"Das Teil hätte nie eingebaut werden dürfen", sagte Professor Wolfgang Renneberg, früher Leiter der Abteilung für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium gegenüber der Presse. "Ein Reaktorbehälter darf nicht kaputtgehen. Wenn er kaputtgeht, gibt es keine Sicherheitssysteme, die das auffangen."
Trotz dieser bekannten Risiken hat die Bundesregierung den Export von Atombrennstoff in diese gefährlichen Atomkraftwerke genehmigt.

Ein Rechtsgutachten der Juristin Cornelia Ziehm kommt zum Ergebnis, dass ein Verbot der Atomexporte nach Belgien nicht nur möglich, sondern auch rechtlich geboten gewesen wäre. Sowohl der Weiterbetrieb der Atomfabrik in Lingen als auch der weitere Export der Brennelemente nach Doel sind nach Meinung der ÖDP NRW verantwortungslos.

Daher unterstützt die ÖDP-NRW die Demonstration und nimmt mit einer Delegation daran teil.

 

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Aufruf zur Demonstration in Lingen:

Atomrisiko jetzt beenden!
AKW abschalten!
Uranfabriken schließen!
Uran-Exporte stoppen!
AKW abschalten – 30 Jahre sind 30 Jahre zu viel!


Im niedersächsischen Lingen wird das Atomkraftwerk Emsland das „neue“ AKW genannt. Dabei wird es am 20. Juni 30 Jahre alt! Dieser Atommeiler, einer der „jüngsten“ in Deutschland, hat eine Betriebsgenehmigung bis Ende 2022.

Das Risiko einer so langen Laufzeit können und dürfen wir nicht zulassen, weder in Lingen noch an anderen Standorten! Es gibt keine ’sichere Atomkraft‘, und je älter ein Reaktor wird, desto gefährlicher ist er. Allein durch Materialermüdung und Verschleiß steigt die Anzahl der Störfälle dramatisch an, auch im AKW Emsland. Gleichzeitig entsteht täglich Müll, der weder jetzt noch in Zukunft sicher gelagert werden kann. Die unflexiblen Atommeiler – ebenso wie alte Braunkohlemeiler – ‚verstopfen‘ außerdem die Netze und blockieren den Ausbau Erneuerbarer Energien. Wir fordern deshalb von der Bundesregierung, im Zuge der Atomgesetz-Novelle bis Ende Juni einen deutlich schnelleren Atomausstieg festzulegen.

Uranfabriken schließen!
Auch die Brennelementefabrik Lingen und die Urananreicherungsanlage Gronau müssen so schnell wie möglich stillgelegt werden. Es kann nicht sein, dass sich Deutschland zwar zum „Atomausstieg“ bekennt, aber durch Brennstoff-Lieferungen die weltweite Atomindustrie noch jahre- und jahrzehntelang stützt – indirekt sogar Atomwaffenprogramme wie das in den USA.

Uralt-Reaktoren in Grenznähe werden genauso aus Lingen versorgt wie z. B. Olkiluoto, ein AKW-Neubau in Finnland, der schon vor seiner Inbetriebnahme für Negativschlagzeilen sorgte. Dabei wäre eine Schließung der Uranfabriken per Bundestagsbeschluss ohne weiteres möglich. Umweltministerin Schulze muss nun diese Gesetzesänderung auf den Weg bringen!

Uran-Exporte stoppen!
Dass marode Reaktoren in Tihange, Doel (Belgien) sowie Fessenheim und Cattenom (Frank-reich) mit Brennelementen aus Lingen und Uran aus Gronau beliefert werden dürfen, ist ein fortwährender Skandal. Gerade hier hat die Umweltministerin Handlungsspielraum. Sie kann und muss die Ausfuhr von Brennstoffen an grenznahe Risikomeiler unterbinden – das haben renommierte Jurist*innen überzeugend dargelegt. Wir fordern Frau Schulze eindringlich auf, bestehende Genehmigungen für Brennstoff-Lieferungen zu widerrufen und neu beantragte zu verweigern.

Wir brauchen eine echte Energiewende – ökologisch und sozial gerecht! Weder Kohle, noch fossile Energien, noch Atomkraft haben darin einen Platz!

Geht mit uns zusammen für einen sofortigen und vollständigen Atomausstieg auf die Straße!

www.lingen-demo.de/aufruf/

 

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Technische Risiken des Weiterbetriebs der AKWs Tihange und Doel
Eine Studie der Schweizerischen Energie-Stiftung SES führt dazu aus:

„Der Reaktordruckbehälter ist das für die Sicherheit eines Kernkraftwerkes wichtigste Bauteil. Er wird während des Betriebes ununterbrochen einer hochenergetischen Neutronenstrahlung ausgesetzt, was eine kontinuierliche Materialversprödung und damit einen kontinuierlichen Verlust der Zähigkeit des Metalls zur Folge hat. Die mechanische Belastbarkeit des Reaktordruckbehälters nimmt im Laufe der Zeit ab. Ähnlich wie Glas, kann ein versprödeter Reaktordruckbehälter unter normalen Betriebsbedingungen, aber insbesondere unter Störfalleinwirkungen, z. B. bei einer Notkühlung aufgrund eines Bruches einer Hauptkühlmittelleitung, bei denen der Reaktordruckbehälter einem er höhten Druck und einer erhöhten Temperatur und starken Temperaturschwankungen (Thermoschock) ausgesetzt sein kann, bersten. Da ein Leck im Reaktordruckbehälter ab einer bestimmten Grösse unbeherrschbar ist, kommt es in diesem Fall unweigerlich zu grossen Freisetzungen radioaktiver Stoffe.

Die Ursache für die Versprödung sind Veränderungen im Kristallgitter des Materials. Treffen Neutronen auf Eisenatome, stossen sie diese von ihren angestammten Gitterplätzen fort. Die verdrängten Eisenatome verdrängen nun ihrerseits andere Eisenatome von ihren angestammten Plätzen, so dass es im Sinne einer «Kettenreaktion» zu grösseren Defekten und im schlimmsten Fall zu Rissen kommt, die vorherzusagen ausserordentlich schwierig ist.

Diese feinen Risse können, wie allgemein bekannt, Ausgangspunkt für weiteres Risswachstum sein. Die Forschung bemüht sich zwar intensiv, quantitative Antworten über das Materialverhalten unter Neutronenbestrahlung zu geben, die bisherigen Ergebnisse sind aber nicht so eindeutig, dass eine wirklich belastbare Aussage über das Materialverhalten des Reaktordruckbehälters nach vielen Betriebsjahren unter dem Einfluss der Neutronenbestrahlung an jeder Stelle des Materials gemacht werden kann.

Üblicherweise erfolgt die Kontrolle des Materialzustandes mit sogenannten Voreilproben, die aus dem gleichen Stahl wie das Reaktordruckgefäss bestehen. Man glaubt nun, man könne durch werkstofftechnische Untersuchungen dieser Voreilproben Aussagen über das Alterungsverhalten des gesamten Reaktordruckbehältermaterials machen. Dies ist aus verschiedenen Gründen fragwürdig. Zum einen ist der Neutronenfluss im Reaktordruckbehälter sehr unterschiedlich, die Voreilproben können aber nur an bestimmten Stellen angebracht werden, zum anderen hängt die Art der Defektstellen im Material nicht nur von der kumulierten Neutronenstrahlung sondern auch von der zeitlichen Verteilung der Neutronenstrahlung ab. Mit anderen Worten, es macht einen Unterschied aus, ob dieselbe Menge an Neutronen in einer relativ kurzen Zeit oder in einem grösseren Zeitraum verteilt auf das Material einwirkt.

Ungeklärt ist auch, ob der Schädigungsmechanismus kontinuierlich fortschreitet, oder ob es oberhalb einer bestimmten Neutronenbestrahlung, wenn also ein bestimmter Schwellenwert überschritten ist, es zu einem plötzlichen massiven Anstieg der Versprödung kommt. Dieser Effekt ist unter Forschern unter dem Begriff «Late-Blooming-Effekt» bekannt. Insgesamt ist festzustellen, dass die Materialeigenschaften von längerer Zeit bestrahlten Reaktordruckbehältern nur begrenzt beurteilt werden können. Zu dieser Versprödung als Ursache für reduzierte Festigkeitseigenschaften des Reaktordruckbehälters kommt die Ermüdung des Materials durch das An- und Abfahren des Kernkraftwerkes. Reaktorschnellabschaltungen verstärken diesen Effekt noch.

Besonders betroffen von diesen negativen Alterungswirkungen sind ältere Reaktordruck-
behälter die durch eine grosse Anzahl von Schweissnähten gekennzeichnet sind und
grössere Mengen an Kupfer und Nickel in den Schweissnähten enthalten.

Das Thema Alterung von Komponenten stellt auch die Ergebnisse von sogenannten probabilistischen Analysen in Frage. Probabilistische Analysen dienen dazu, die Eintrittshäufigkeit von Kernschmelzen mit Hilfe von Modellen zu berechnen. Wichtige Modellgrössen sind die Versagenswahrscheinlichkeiten von Komponenten. Dabei extrapoliert man die Erfahrungen aus der Vergangenheit –mit teilweise weniger gealterten Komponenten- auf die Zukunft. Da das Alterungsverhalten praktisch nicht quantifizierbar ist, sind auch die probabilistischen Ergebnisse unter dem Alterungsaspekt sehr fragwürdig.

Die Kernschmelzhäufigkeit wird wegen der nicht hinreichend berücksichtigten Alterungseffekte in der Regel unterschätzt. Einzelne unerkannte und deshalb nicht beseitigte Alterungseffekte können zwar unmittelbar zu schweren Unfällen führen, sie können aber auch Ursache von Störfällen sein, für deren Beherrschung Sicherheitssysteme angefordert werden. Nach den Gesetzen der Ausfallwahrscheinlichkeit von Sicherheitssystemen hängt die absolute Zahl von Ausfällen von der Zahl der Anforderungen ab. Je höher die Zahl der Anforderungen, umso höher auch die Anzahl der Ausfälle. Mit anderen Worten, jedes Versagen eines Bauteils aus Alterungsgründen führt zu einer grösseren Wahrscheinlichkeit eines schweren Unfalles.“

 

 


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