10.05.2017

Jeder hat 'ne Meinung

Mein erster Gedanke zu bestimmten komplexen Themen, mit denen ich mich nicht auskenne, ist natürlich "erstmal googeln". Aber mein zweiter Gedanke durchleuchtet meine Hirnwindungen nach Menschen, die dies persönlich betrifft, die ich darauf ansprechen könnte. Denn wer könnte mir besser erklären, wie es sich in "seiner" oder "ihrer" Welt anfühlt zu leben als ein Betroffener?

Vor Kurzem laß ich einen Artikel über "die deutsche Arroganz". Natürlich nicht nur diesen, denn in meiner schnelllebigen Welt lese und schaue ich überwiegend non-linear. In einer Stunde mischte sich dieser Artikel mit zwei YouTube Videos über Gesundheitsversorgung in anderen Ländern und einer Feminismus Debatte über Ivanka Trump. Ich will hier nicht näher auf diese Artikel und Videos eingehen, nur meine eigenen Gedanken dazu kurz beschreiben. Nach dieser Stunde war ich emotional sehr aufgewühlt, wie es mir oft nach der Auseinandersetzung mit den Konflikten unserer Zeit geht. Ich weiß manchmal gar nicht, wohin mit diesen "Ungerechtigkeitsgefühlen".

Mein erster Gedanke zu bestimmten komplexen Themen, mit denen ich mich nicht auskenne, ist natürlich "erstmal googeln". Aber mein zweiter Gedanke durchleuchtet meine Hirnwindungen nach Menschen, die dies persönlich betrifft, die ich darauf ansprechen könnte. Denn wer könnte mir besser erklären, wie es sich in "seiner" oder "ihrer" Welt anfühlt zu leben als ein Betroffener? Natürlich sind in diesen Schilderungen oftmals nicht die hochgebildeten und differenzierten Auseinandersetzung der politischen oder auch psychologischen Situationen eingebunden, aber diese könnte ich in meinem "everyday life" auch nicht stets parat haben. Wichtig ist doch, wie ich meine Welt erlebe, nicht wie ich sie erklären könnte. Die (wichtige) theoretische Auseinandersetzung mit den scheinbar immer komplexer werdenden Themen hat subjektiv wenig zu tun mit dem erlebten täglichen Wahnsinn unserer Zeit.

Auch in meinem Umfeld hat sich in den letzten Jahren eine Menge verändert. Ich erlebe eine Zeit in der die angebliche Politikverdrossenheit meinerseits nicht bestätigt werden kann. Klar sind die Menschen unzufrieden, aber dennoch in ihren Meinungen politischer denn je. Jeder hat eine Meinung zu allen möglichen Themen. Woher diese Meinungen jedoch stammen ist mir oft nicht nachvollziehbar. Was mich dabei am meisten beschäftigt und auch aufregt, ist die Tatsache, dass diese Meinungen nicht durch eigene Schicksale oder Austausch mit Betroffenen gebildet wurden, sondern, wie mir scheint, einfach irgendwem "nachgeplappert".

Wie oft ich in letzter Zeit Meinungen zur Flüchtlingssituation gehört habe, kann ich nicht mehr zählen. Ich frage mittlerweile dann auch gerne mal "Hast du dich schon mal mit einem Flüchtling unterhalten?", die Antwort darauf lautet zu 90% "Nö", vielleicht sogar arrogant ergänzt mit "brauch ich nicht." Dies kann man auch auf alle anderen Bereiche beziehen. Reiche über Arme, Arme über Reiche. Städter haben Meinungen über Bauern, Bauern über Städter, Männer über Frauen und umgekehrt. Ist ja auch normal. Nur fehlt mir da in den Meinungen meist die nötige Einsicht und Demut, wenn man nicht in den jeweiligen Situationen ist oder diesen jemals ausgesetzt war. Ich erinnere mich da an ein Gespräch mit einem Bekannten, der scheinbar zu wirklich Allem eine (gebildete, aber uneinsichtig arrogante) Meinung hat, wie es aus meiner Sicht zunehmend verbreitet stattfindet. Zum Ende des Gesprächs sagte ich nur "Du hast noch nie einer Minderheit angehört und wurdest noch nie in deinem Leben irgendwie benachteiligt, auch suchst du nicht das Gespräch mit Betroffenen sondern meinst einfach zu wissen, was diese falsch machen in ihrem Leben. Das ist ziemlich arrogant und ich stelle fest, trotz all deiner Privilegien und Bildung, hast du keine Ahnung."

Uneinsichtige Äußerungen machen mich manchmal sprachlos. Wie kann ich über Menschen urteilen, mich sogar über sie hinwegsetzen, höherstellen oder sie gar ausgrenzen, obwohl ich mich noch nicht einmal mit diesen Menschen unterhalten habe? Wie können reiche, weiße, privilegierte Männer über Rechte von Minderheiten bestimmen, ohne je selbst benachteiligt zu sein? Wie können reiche, weiße, privilegierte Frauen, die noch nie erlebt haben, wie es ist, sich oder auch ihren Kindern nichts zu essen kaufen zu können, nachvollziehen, wie das Leben "benachteiligt" oder als "Minderheit" aussieht , wenn sie diese nicht fragen?

Wir leben in einer Welt in der es möglich ist sämtliche Informationen eigenständig zu recherchieren, wenn man weiß wie. Aber auch in einer Welt, in der Vorstellungen "wie-es-sein-müsste" auf Grund von medialer Berichte zusammen getragen werden, die den direkten Kontakt zu den Menschen vor Ort verweigert. Vielleicht, weil das eigene Weltbild ins Wanken geraten könnte, vielleicht auch aus Bequemlichkeit, beschäftigen wir uns oft nicht tiefergehend oder in Frage stellend. Vielleicht tun wir dies aber auch, weil es zu schmerzhaft wäre, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen. Denn wer will schon ständig so viel Leid ausgesetzt sein, wenn man sich dem entziehen kann?
Ich werde öfter gefragt "warum ziehst du dir das alles rein"? Auch ergänzt mit Worten ähnlich wie "da wird man ja depressiv". Für mich ist dies verständlich, aber Berichte von "echten" Erlebnissen existenziell. Ich könnte nie weg gucken, auch wenn es schmerzt. Ich will es genau wissen. Nicht wie es berichtet wird, aalglatt, sauber vom Moderator zusammengefasst im glänzenden Studio, sondern von einem Menschen, der es wirklich erlebt hat.

© Jessica Kratz, Kommunalbeaufragte ÖDP Nordrhein-Westfalen